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Figureninterview - Ohne Philipp in der Zwischenwelt

  • Autorenbild: claudia_roman
    claudia_roman
  • 5. Nov. 2021
  • 4 Min. Lesezeit

These der Woche ist eigentlich "Demokratie ist in Wahrheit ein Geschenk Gottes". Sie spielt heute aber keine Rolle.



Collage: UlrichG und Gerd Altmann/Pixabay



Autorin: Hallo lieber Lesende,

ich weiß, eigentlich bist du in dem freitäglichen Figureninterview einen anderen Beginn gewohnt. Für gewöhnlich richte ich nicht das Wort an Dich, sondern begrüße meinen Interviewgast.

Dass dies heute nicht geschieht, liegt daran, dass der Interviewgast noch nicht erschienen ist.

Für den Fall, dass du noch nicht weißt, wer Philipp ist und das an seiner Abwesenheit im Grunde nichts Ungewöhnliches ist, kann ich dir das eine oder andere über diesen kleinen Jungen erzählen, während wir durch die Zwischenwelt schlendern.


Natürlich hast du längst erkannt, dass ich in der letzten Woche dem Wald, in dem wir uns jetzt befinden, das Interview mit Claudia geführt hatte.

Wir müssen ein wenig auf unsere Schritte achten, denn es ist hier recht düster. Die Dämmerung scheint schon weit fortgeschritten und legt einen leicht rötlich-violetten Schleier über die Silhouetten des Holzes. Die Richtung, in der wir uns bewegen, ist bereits von der Nacht umschlossen und nur der Halbmond, vor uns im Zenit der Dunkelheit, lässt die Konturen des Weges erscheinen.


Philipp ist das einzige Kind der berühmten Avantgard-Künstlerin Margarethe Walther, die auf einem abgeschiedenen Hof im Oldenburger Land, ihre maroden Kunstwerke erschafft. Dazu benutzt sie organische Materialien, in erster Linie Rinder, die sie auf ihrem Anwesen züchtet. Natürlich fragst du dich, lieber Leser, ob solch eine Umgebung der gesunden Entwicklung eines fast zehnjährigen Jungen abträglich ist und die Frage ist sehr wohl berechtigt, denn Philipp ist zwar ein stilles, aber auf der sozialen Ebene äußerst auffälliges Kind.


Langsam kommen wir an den Rand des Waldes. Du siehst schon eine Lichtung zwischen den Bäumen aufblitzen. Das Mondlicht fällt auf die Rasenfläche, die sich nun vor uns erstreckt und lässt sie im Kontrast zur Finsternis des Unterholzes beinahe unnatürlich erstrahlen. Ein schmaler Pfad schlängelt sich über die Grasebene und geleitet uns zur anderen Seite, wo erneut die Dunkelheit auf uns wartet. Sie ist aber von anderer Beschaffenheit, denn vor uns am Horizont, warten keine Baumwipfel auf uns. Dort in der Ferne sehen wir die Umrisse eines Turmes. Er ist von runder Bauart und hat direkt unter der Aussichtsplattform einen Vorsprung, der das Gebäude umschließt, wie ein Ring an einem Finger.


Ja, Philipp ist ruhig, in sich verschlossen, oberflächlich freundlich, fast schon charmant und doch zu unfassbarer Grausamkeit in der Lage. Seine Psychopathologie ist allerdings etwas komplexer als unserer Lieblingspsychopathin Loretta. Loretta folgt der simplen Logik ihres Störungsbildes: Sie braucht starke Triebkräfte, um zu einem ausgeglichenen Zustand zu gelangen. Sie setzt ihre Ziele nicht auf der Grundlage einer Nutzenrechnung, sondern nach der größt möglichen Dopaminausschüttung. Dabei ist es ihr gleichgültig, ob ihr Verhalten sozial verträglich ist oder nicht. Und Loretta braucht eine Bühne, sie will bewundert werden.

Das alles trifft auf Philipp nicht zu.


Wir folgen nun dem Pfad über die Wiese. Du hast Recht, liebe Leserin. Wie du bemerkst, haben sich die Augen an das lichte Feld gewöhnt und der Mond stellt sich gerade mal als ausreichende Lichtquelle heraus. Wären wir eines der Kinder, die an diesen Ort gehören, könnten wir uns eine Fackel in die Hand zaubern. Nun müssen wir uns halt mit den Gegebenheiten zufriedengeben.

Der Pfad führt uns zu einem Gewässer.

Es ist ein See, in dessen Mitte ein Gebäude errichtet wurde, das an eine Burg erinnert. Der Baustil ist eine wilde Mischung aus allen mittelalterlichen Epochen, von der Präromantik bis zur Gothik. Die Architektur des Bauwerkes selbst ist allerdings einzigartig.


Philipp ist kein klassischer Psychopath. Seine Grausamkeit ist kein Selbstzweck. Die Lebewesen, die er für seine Projekte benötigt, tötet er nicht aus einer sadistischen Laune heraus. Sie sind für ihn Material. Ihm ist nicht bewusst, dass er ein ethisches Tabu bricht. Die Wesen außerhalb seines Körpers erkennt er nicht als beseelt.


Wir erkennen die Eigenwilligkeit dieser „Burg“, sobald wir über die Zugbrücke durch das Tor nicht etwa auf den Burgplatz, sondern in das Haupthaus treten. Wir stehen in einer halbzerfallenen Hotellobby und treten an der Rezeption vorbei in eine der beiden Tore zu ihren Seiten, die nun zum Innenhof führt. Obwohl die Dunkelheit die Konturen der kleinen Parkanlage nur undeutlich preisgibt, erkennen wir, dass hinter dem Haupthaus die Gebäudeflügel in einem spitzen Winkel auf den Turm, den wir bereits aus der Ferne gesehen haben und der die beiden Anbauten verbindet.


Philipps hat im „Zug der toten Kinder“ ist, im Gegensatz zu Cecilia, keine tragende Rolle einzunehmen, trotzdem ist er für die Gesamtgeschichte von großer Bedeutung.


Lass uns nun durch die kleine Holztür in den Turm treten. Eine Wendeltreppe führt uns an den Fackeln vorbei, die für eine unruhige Lichtatmosphäre sorgen. Die grob gehauenen Steine werfen unheimliche Schatten auf ihre feucht glänzende Oberfläche. Das Holz knarrt, doch es lässt sich kein Geruch vernehmen. Weder die abgestandene Feuchtigkeit, noch das verbrennende Holz hinterlässt irgendeine wahrnehmbare Spur.


Dort, wo die beiden Etagen, aus denen die Flügel bestehen, an das Turmgemäuer stoßen führt die Treppe auf ein Plateau von dem zwei Türen in die Gästehäuser. Wir steigen allerdings die Treppe weiter hinauf, bis wir am Ende der Stiege auf eine einzelne Tür stoßen. Sie muss den Eingang zu dem Vorsprung bilden, der dem Turm diese auffällige Form beschert.

Die Tür klemmt ein wenig, gibt jedoch schließlich nach und öffnet sich mit einem langgezogenen Knarren.


Autorin: Philipp! Was machs du denn hier? Was ist das für eine Sauerei!


Philipp: Ich bastel!


Autorin: Du wischt das Blut aber sofort wieder weg, wenn du hier fertig bist! Ist das klar?


Philipp: Das mache ich doch immer! Du redest wie meine Mutter!



 
 
 

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