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Figureninterview mit Dr. Harmsen auf einer Telefonzelle

  • Autorenbild: claudia_roman
    claudia_roman
  • 18. Sept. 2020
  • 3 Min. Lesezeit

These der Woche: Armut ist traurigerweise zutiefst menschlich.


Bild von Acatana auf Pixabay


Autorin: Frau Dr. Harmsen? Frau Dr. Harmsen?

Dr. Harmsen: Hier oben!


A: Ach, da sind sie! Wieso sitzen Sie schon auf der Telefonzelle?


H: Sie haben doch diesen seltsamen Ort ausgelost, oder nicht.


A: Aber ich dachte, es gibt keine Telefonzellen mehr.


H: Hier steht wohl noch eine.


A: In der Tat und es ist so ein klassisch-gelber Telefonkiosk. So ein Ding, mit rostigem Boden, zerfleddertem Telefonbuch und Graffitis an den Fenstern. Wahrscheinlich liegt dort noch eine Kippe im Aschenbecher und es riecht nach kaltem Rauch.


H: Kindheitserinnerungen?


A: Kindheits- und Jugenderinnerungen. Ich bin normal kein Typ, der in blinde Nostalgie verfällt und früher war auch nicht alles besser. Aber früher hat es sich mehr nach Zuhause angefühlt.


H: Wie meinen Sie das?


A: Warten Sie, ich versuche hochzuklettern. Wenn ich meinen Fuß auf die unter Einlassung des unteren Doppelfensters lege, den Türgriff als Zwischentritt benutze und mich dann auf die Fuge des oberen Fensters ziehe, sollte es von dort möglich sein, mich auf das Dach zu ziehen.


H: Das ist ein langer, anstrengender Satz.


A: Sollte aber klappen. Um auf ihre Frage zurückzukommen: Das Problem an der nostalgischen Verklärung ist ja, dass man es im Augenblick des „Seins“ gar nicht so erlebt hat. Ich meine damit, dass die Gegenwart ja voller Details ist, die man empfindet und bewertet. Das war damals nicht anders als heute. Vielleicht war es damals sogar noch prägnanter, denn in der Kindheit und in der Jugend ist man in vielen Abhängigkeitsverhältnissen. Da sind die Eltern und Lehrer, die die Durchsetzung von unverständlichen und den eigenen Bedürfnissen entgegenlaufenden Regeln erzwingen wollen. Dann sind dort die Jugendfreunde und Jugendfeinde, die das Verhalten beeinflussen und nicht zuletzt hat man mit seiner eigenen körperlichen und geistigen Reifung zu tun und das ist beileibe nicht immer angenehm. Dazu kommen allerlei Ängste diffuser und konkreter Art.


H: Und woher kommt ihrer Meinung nach die Verklärung?



A: Igitt, ist der Türgriff klebrig. Egal: 1.2.3... Mist!


H: Sah schon gut aus. Beim nächsten Versuch klappt es bestimmt.


A: Um diese Nostalgie zu erklären, könnte man sich einige Erklärungsmodelle ersinnen.


H: Ich finde den Gedanken des Sich-Zuhause-Fühlens sehr schön.


A. Er speist sich in zwei Vermutungen. Die Erste wäre, dass man sich als Kind diesem rousseauschen Urzustand näher fühlt. Man ist dichter und unmittelbarer an seinen Bedürfnissen und empfindet die gesellschaftliche Beschränkung als ungerecht. Was sie von einem individualistischen Standpunkt ja auch sind. Zusammen mit der Wissbegier, dem Entdeckungsdrang und dem Willen seine eigene Zukunft zu gestalten, bildet sich dadurch gerade in der Jugend der Stoff für viele Geschichten, an die man sich gerne erinnern kann.


H: Ich suche darin die Telefonzelle. Schließlich braucht man nicht unbedingt eine Party in einer Fernsprechbox gefeiert haben, um eine nostalgische Empfindung bei ihrem Anblick zu empfinden.


A: Das ist wahr, deshalb bin ich auch geneigt, eine andere Erklärung zu bevorzugen. So, endlich die erste Stufe erklommen. Jetzt muss ich nur noch auf das Dach.


H: Soll ich Ihnen helfen.


A: Nein, ich schaffe das! Der zweite Gedanke ist, um zurück zum Thema zu kommen, dass in dieser Zeit, die Zukunft ja noch völlig offen war. Ich glaube, es ist gar nicht so sehr der Blick auf die Vergangenheit und ihrer Bewertung der, sondern das Gefühl von Unabgeschlossenheit und Prozesshaftigkeit das bei diesem Blick und seiner Bewertung entsteht. Es ist ein wenig so, wie mit einer wichtigen Klausur, für die man wie eine Wilde gepaukt hat. Kurz vor der Prüfung wird man, ungeachtet der Mühe, immer auch eine Art der Unsicherheit spüren, aber wenn man das zufriedenstellende Ergebnis später in den Händen hält, fragt man sich, was einen so eingeschüchtert hatte. Man bewertet also nicht das Ding an sich, sondern den Prozess. Das trifft, so denke ich auch auf nostalgische Gefühle zu und schließt Musik, Kassenttenrekorder, Filme, Autos und auch die gelben Telefonzellen ein. ... Mist!


H: Haben Sie sich verletzt?


A: Alles in Ordnung. Der zweite Versuch wird besser. Ich weiß ja jetzt, wie es geht.

Wussten Sie eigentlich, dass es am Anfang des Jahrtausend noch 160 000 Telefonzellen gab und mittlerweile nur noch 20 000? Die werden konsequent von ihren Anbietern abgebaut, wenn der Umsatz monatlich weniger als 50 Euro beträgt.


H: Nein, das habe ich nicht gewusst.


A: Das letzte gelbe Telefonhäuschen wurde 2019 abgebaut und nun gibt es nur noch diese magenta-graue Stegen. Die sollen besser vor Vandalismus geschützt und auch billiger in der Haltung sein.


H: Ach!


A: Und wenn sie wollen können Sie eine dieser gelben Boxen für um die 300 Euros kaufen und in ihren Garten stellen.


H: Was Sie so wissen!


A: So geschafft, jetzt können wir uns über die These der Woche unterhalten.

Oh, eine interessante Perspektive hier oben. Aber was ist den das an hier hinter uns?


H: Die Leiter, mit der ich auf die Telefonzelle geklettert bin. Wie ist denn die These der Woche?



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