Figureninterview – Mit der Psychiaterin Dr. Melanie Harmsen im Auge des Monsters
- claudia_roman

- 16. Okt. 2020
- 3 Min. Lesezeit
These der Woche: Geld ist zum Glück geil

Collage mit den Werken von Chräcker Heller und moritz320 auf Pixabay
Autorin: Na endlich! Das hat ja gedauert. Nun müssen wir uns beeilen. Ich habe für das Auge des Monsters nur noch eine halbe Stunde Zeit.
Dr. Harmsen: Das ist ja eine Begrüßung! Aber ich wünsche Ihnen auch einen schönen Tag. „Das Auge des Monsters“ klingt spannend. Ist das ein Lokal? Ich meine für einen Kaffee ist eine halbe Stunde doch ausreichend.
A: Ich habe keine Ahnung, um was es dabei geht.
H: Sie haben sich keine Gedanken gemacht?
A: Nein, Frau Dr. Harmsen. Während sie es sich gemütlich in einer meiner Gehirnwindungen gemacht haben, so wie alle Figuren, die ich mir ausdenke, hatte ich noch einen Berg anderer Dinge zu tun.
H: Sie deuten meine Frage als Vorwurf?
A: Nee, also jetzt habe ich aber keine Lust auf Psychospielchen. Lassen sie uns im Auge des Monsters über Geld sprechen.
H: Ist das die These der Woche?
A: Genau.
H: Dann weiß ich, wo wir uns hinbegeben sollen.
A: In die Kugelwelt?
H: Das wird nicht nötig sein. Das Monster lauert gleich dort an der Ecke.
A: Das ist eine Finanzbank!
H: Ist das nicht prima, ich wollte sowieso noch etwas einzahlen.
A: Ich mag keine Banken. Ich habe mich nicht umsonst für eine Internetbank entschieden.
H: Warum mögen Sie keine Banken?
A; Ich finde, Geld hat weder etwas mit Glück zu tun, noch ist „geil“ eine korrekte Attribuierung.
H: Ist das nicht Ansichtssache?
A: Deshalb habe ich auch den Begriff Attribuierung benutzt, da steckt die Zuschreibung ja schon drin.
H: Kommen Sie trotzdem mit und erklären mir das genauer?
A: Was eine Attribuierung ist?
H: Nein, warum sie Geld so negativ bewerten und für Sie Banken in der Tat so etwas wie das Auge des Monsters ist und bitte...
A: Was?
H: ...bitte! Verwenden Sie in keinem einzigen Satz das Wort Ausbeutung und Kapitalismus. Das lenkt nur von Ihrem wirklichen Problem ab.
A: Aber diese Dinge sind wirkliche Probleme mit katastrophalen globalen Auswirkungen.
H: Bitte benutzen Sie einen Ich-Satz.
A: Ich finde,...
H: Naaa, nicht schummeln! Sie dürfen ein „mir“ einsetzen.
A: Mir geht die Macht des Geldes auf den Zeiger und wie rücksichtslos sich alles um die Vermehrung von Papierschnipseln und Blechstücken dreht, die selbst überhaupt keinen Wert besitzen. Das ist alles so falsch! Mir wird meine Lebensgrundlage und nicht nur mir! Wenn ich mir zum Beispiel die Kinder meiner Lieben anschaue, (ich habe selbst ja keine Kinder) werde ich wütend, wie ignorant wir die Lebensgrundlage unserer Spezie vernichten. Und wenn ich mir die technologische Entwicklung anschaue: Es wird immer perverser. Nun haben wir nicht mal mehr Papierschnipsel und Blechstücke: Es werden einfach Zahlen auf dem Computer hin und her geschoben. Der Finanzmarkt ist nicht mehr als das Zirkulieren von Imaginationen, die aber nichts geringeres Bewirken, als unseren Untergang.
H: Aber es erklärt nicht, warum sie so eine Antipathie gegenüber Bankgebäuden haben. Schließlich nutzen Sie trotz ihrer Kritik eine Internetbank, beteiligen sich also an der Zirkulation dieser Imaginationen, die sie verabscheuen.
A: Bleibt mir ja keine Wahl.
H: So, wir sind da. Kommen Sie mit rein, ins Auge des Monsters?
A: Ja! Ich brauche noch etwas Bargeld. Aber ich bleibe im Vorraum!
H: Gut, ich wollte einen Dauerauftrag einrichten. Ich unterstütze gerade ein Projekt, das sich mit erneuerbaren Energien beschäftigt und wenn ich ehrlich bin, ziehe ich eine persönliche Beratung dem Internetbanking vor. Außerdem mag ich meinen Sachbearbeiter. Der hat so einen angenehm trockenen Humor.






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